Wir wieder, die Perfektionisten!

Neulich lief mir nach dem Sport in der Umkleidekabine eine Kollegin, Yoga-Trainerin und begeisterte Radfahrerin, nach ihrem RPM-Training über den Weg.

“Ich bin voll auf ‘Biggest Loser’”, sagte sie zu mir.




Häh?




Ich war recht überrascht über diese Aussage und so war die einzige Antwort, die mir einfiel: “Ich schaue das nie, mussten die da Rad fahren?”

Nein, es ist viiiiiel schlimmer, denn sie schaut die Sendung offenbar auch nicht bzw. nur sehr sporadisch. In Wahrheit bezog sie sich auf sich selber: Sie sei “soooo dick” und müsse “dringend abnehmen”.

Ich war schockiert. Glaubt mir, sie ist alles andere als dick. Meine Kollegin ist eine große, schlanke Frau, super beweglich, neben Yoga fährt sie ganz viel Fahrrad – draußen oder in Les Mills RPM-Kursen. Sie gibt also durchaus Gas.

Der Witz ist: An genau demselben Tag im Stretching-Raum sagte ein Kumpel und begeisterter Attack-Teilnehmer zu mir: “Ich habe eine Wampe. Ich Schwabbelbacke. Widerlich.”
Dazu sollte man sagen, dass er vorher mehrere Wochen keinen Sport gemacht hatte, da er zuerst krank und anschließend im Urlaub gewesen war…
Aber trotzdem – Schwabbelbacke? Also viel schwabbelt da nicht, eher weniger, würde ich sagen…

Wieso denken so viele Menschen, sie seien dick? Und wieso sind es immer die schlanken Menschen, die so denken? Wieso legen wir bei uns selber eine andere Messlatte an als bei anderen? (Denn die anderen, die genauso aussehen wie wir, finden wir nie dick, nein das gilt immer nur für uns selber….) Und hat das “Ich-bin-dick”-Phänomen, das bisher hauptsächlich Frauen betraf, nun auch die Männerwelt erreicht?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber manchmal habe ich schon das Gefühl, dass man heute nur etwas zählt, wenn man perfekt ist. Perfekt im Sinne von: schön, schlank, sportlich, erfolgreich und dann bitte auch noch super lustig, unterhaltsam, immer gut gelaunt, nie müde… Wenn man darüber nachdenkt, kann man schon mal Panik bekommen.

Aber – ist das wirklich die Gesellschaft? Schließlich sind Geschmäcker ja verschieden, was der eine schön findet, findet jemand anderes total unattraktiv. Also kann es doch eigentlich nicht an einer “kollektiven Anforderung” liegen.

Sind wir es nicht selber, die so hohe Anforderungen an uns stellen? Und wenn ja, wo kommt das her und war das früher auch so? Ich glaube nicht, dass meine Oma sich solche Gedanken gemacht hat… Andererseits, damals hatte man ganz andere Probleme. Und meine Mama? Nein, ich bin mir sicher – solche Sorgen hat sie sich nie gemacht.

Woher also dieser Anspruch, wann ist dieser Gedanke des perfekten Menschen entstanden und warum setzen wir uns so unter Druck, diesem Bild unbedingt zu entsprechen? Und wieso glauben wir unabhängig vom individuellen Geschmack, dass der perfekte Mensch dünn sein muss?

Immerhin: Es gibt Menschen, die solche Probleme tatsächlich nicht haben. Die einfach überzeugt durch die Welt gehen und ihr Leben leben – überzeugt davon, dass es ok ist, wie sie sind. Meiner Meinung nach hauptsächlich Männer. Ich kenne nur wenige Frauen, die das so sehen. Und dann auch erst nach jahrelanger mentaler Arbeit und mit wachsender Lebenserfahrung. Was ist das Geheimnis dieser Menschen?

Vielleicht spielt das ursprüngliche Geschlechterrollenmodell hier eine Rolle: Früher mussten Frauen den Männern (optisch) gefallen, damit sie “eine gute Partie machen” konnten und somit für den Rest des Lebens gut versorgt waren. Dies könnte erklären, warum Frauen so viel anfälliger für Selbstkritik sind, vor allem bezogen auf ihr Äußeres.

Und die Männer? In der modernen, gleichberechtigten Gesellschaft haben Frauen eine Wahl. Sie müssen sich nicht mehr zufrieden geben, nur um versorgt zu sein. Sie sorgen für sich selber. Sie sind selbstbewusst, selbstsicher, unabhängig. Und ich könnte mir vorstellen, dass deshalb nun auch Männer den Druck verspüren, “gefallen zu müssen”. Dies würde zumindest erklären, warum auch immer mehr Männer z.B. Angst davor haben, dick zu werden.

Ich konnte meine Kollegin schließlich davon überzeugen, dass dieses Bäuchlein, diese kleine Rundung, die sie als so unglaublich “dick” empfindet, vor allem vom Viszeralfett kommt, das die Gebärmutter schützt und das aus genau diesem Grunde sehr schwer loszuwerden ist. (Aber warum es loswerden, irgendwie macht es uns Frauen doch aus, oder?).

Anschließend entwickelte sich das Gespräch in eine andere Richtung weiter und wir kamen auf ein neues Fortbildungstool zu sprechen, das unser Studio auch uns externen Trainern anbietet. Wir beide waren uns gleich einig, dass wir das super finden und dass wir unbedingt nachfragen müssen, wie genau dieses Tool funktioniert – schließlich möchten wir uns weiterentwickeln und besser werden.

Und da sagte sie es: “Wir wieder, die Perfektionisten.”

Aaaaaaha – da liegt also der Hase im Pfeffer. Perfektionismus. Und damit haben wir auch den richtigen Umgang mit dem “Ich-bin-dick”-Phänomen gefunden: Loslassen. Mal nicht ganz so perfekt sein wollen.

Ganz ehrlich – wenn wir nicht “gut genug” für die anderen sind, dann sollte uns das eigentlich vollkommen egal sein. Oder? Aber wir selber sollten mit uns zufrieden sein, so wie wir sind; uns weiterentwickeln, ja – aber auch unsere nicht perfekten Seiten akzeptieren. Schließlich machen genau diese uns zu dem Menschen, der wir sind. Wir sind einzigartig. Solche wie uns gibt es nur einmal. Egal, ob dick oder dünn, groß oder klein, unabhängig vom Beruf, den wir ausüben.

Vielleicht sollten wir das nächste Mal daran denken, wenn wir wieder Panik bekommen oder uns dick fühlen und den Mut haben, einfach mal perfekt un-perfekt zu sein.

Also FIBERT euch das nächste Mal nicht allzu sehr.

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